15.9.2008 Internationaler Tag der Bildungsfreiheit

Eigentlich hatten wir für den Nachmittag eine öffentlichkeitswirksame Aktion auf dem Unicampus in Wien geplant. Doch der Dauerregen vertrieb uns und so übernahmen wir wieder einmal Verantwortung für die Bildung unserer Kinder und gingen mit ihnen ins Haus der Musik. Auch wir Erwachsenen konnten noch viel dazulernen.
Freilerner im Haus der MusikFreilerner dirigieren die PhilharmonieFreilerner-RhythmusAm Abend ging es dann zur Veranstaltung "Anleitung zur Bildungsfreiheit" des  Instituts für Wertewirtschaft Nach einer knappen inhaltlichen Einführung von Rahim Taghizadegan, der einen historischen Überblick über die kontinuierliche Einschränkung der Bildungsfreiheit gab und mit einem Plädoyer für Bildungsverantwortung schloß, stellten sich vier Praktiker der Bildungsfreiheit den Fragen des Publikums. Anliegen der Veranstaltung war es, in einer Zeit, in der „Politik“ nur noch mit anonymen Kollektiven und Stereotypen arbeitet, der Bedeutung von Bildungsfreiheit menschliche Gesichter zu geben. Die Gäste faszinierten alle durch ihren Mut, ihre Menschlichkeit und ihre interessanten Erfahrungen, und boten eine erfrischende Abwechslung zum Politisieren auf dem Rücken anderer. So blieb dieser Abend zum Glück frei von jeglichen „politisch“-ideologischen Scharmützeln und widmete sich rein der einzig wahren Bildungspolitik, nämlich dem konkreten und praktischen Übernehmen von Verantwortung für Bildung.


Anja Krohmer erzählte, warum sie Deutschland verließ und in Österreich gewissermaßen Asyl suchen mußte. Deutschland ist eines der Länder mit der weltweit geringsten praktischen Bildungsfreiheit. Familien, die Alternativen zur Einheitsschule wagen, werden auseinandergerissen, die Eltern ins Gefängnis gesteckt, das Sorgerecht entzogen und die Kinder zwangspsychiatriert – um sie von ihrer angeblichen „Schulphobie“ zu heilen. Anjas Erfahrungen mit ihrer Tochter faszinierten: Während ihr die Schule einst sehr zusetzte und ihre Leistung von Jahr zu Jahr abnahm (!), blühte sie unter der engagierten Anleitung ihrer Mutter auf. Sie eignete sich den Jahresstoff der Schule in vier Monaten an, ging freiwillig und frohen Mutes zur Externistenprüfung (die mit extremem Druck verbunden ist – schließlich droht bei Nichtbestehen die Zwangseinweisung in eine Schule, ohne Wiederholungsmöglichkeit!) und bestand mit Bravour.

Michael Kleinbichler erzählte von seiner Initiative, gemeinsam mit anderen Eltern eine Naturkindergruppe zu gründen, die Stadtkindern ein Aufwachsen in der Natur ermöglicht. Obwohl der Kindergartenzwang noch nicht umgesetzt ist, staunte das Publikum über die kafkaesken gesetzlichen Auflagen. Offenbar gibt es keine Versammlungsfreiheit für Kinder in Österreich. Obwohl das Konzept der Gruppe genau darin besteht, keine Gebäude zu benötigen, und die Versorgung von einer Großküche mitübernommen wird, mußten die Eltern viel Geld und Zeit in ein Gebäude und eine Küche stecken, die allen absurden Details des Gesetzestextes entsprechen (bis hin zur Temperatur des Geschirrspülers und der Anordnung der Wände), obwohl sie ungenutzt bleiben. Durch Einsatz jeder freien Minute und großem handwerklichem Geschick gelang es, diese riesigen Hürden zu überwinden und das Projekt läuft nun zur großen Begeisterung der Kinder (Es sind noch Plätze frei - bei Interesse vermitteln wir gerne).



Mag. Christina Partsch erzählte von ihrer Erfahrung mit einem ihrer Söhne, der angeblich an „Schulphobie“ litt. Die Pädagogin kam vollkommen unvermittelt dazu, Bildungsfreiheit zu praktizieren, also volle Bildungsverantwortung für ihren Sohn zu übernehmen. Plötzlich fand sie sich vor der Entscheidung, ob sie dem auf sie ausgeübten Druck seitens der Schulen und Behörden nachgeben und ihren Sohn in die Klinik einweisen lassen sollte. Dort würde er von den Eltern isoliert und mit Psychopharmaka von seiner „Schulphobie“ „geheilt“. Zum Glück war Mag. Partsch hinreichend skeptisch und leistete der wahnwitzigen Aufforderung, ihr Kind zu dieser Tortur abzugeben, nicht Folge. So mußte sie ihr Kind selbst unterrichten. Das Ergebnis überraschte selbst sie: Ihr Sohn blühte ebenfalls auf, lernte in einer Stunde entspannten Lernen und Übens pro Tag mehr als sonst an vielen Schultagen, und sucht nun in großem Lerneifer selbst und aus eigenem Antrieb nach alternativen Schullösungen.

Eva Jelken schließlich faszinierte durch die Geschichte ihrer ungewöhnlichen Kindheit in einer ungewöhnlichen Familie. Evas Eltern waren stets der Massengesellschaft kritisch gegenüber eingestellt und bauten mit gleichgesinnten Familien eine autonome Siedlung auf. Als der Schulzwang drohte, ihnen die Kinder zu entreißen, zogen sie in die Türkei, wo Eva und ihre Geschwister eine wunderbare, unbeschwerte Kindheit erlebten. Die eloquente Darstellung der jungen Dame, wieviel und wie natürlich die Kinder lernten, was Bildung in ihrer Familie bedeutete, was sie für ihren weiteren Lebensweg mitnahm, war das gelebte Gegenargument gegen den Kontrollwahn der Bildungszentralisierer. Sie und ihr Bruder, der ebenfalls anwesend waren, relativierten mit ihrer Menschlichkeit, ihrer kritischen Einstellung und ihrer für ihre Jugend ungewöhnlich Weisheit jede Sorge vor dem Mißraten von Kindern, die keinen zertifizierten „Lehrplänen“ ausgesetzt sind.



Wie schon letztes Jahr trugen wir Sorge, daß sich bei dieser Veranstaltung ausnahmsweise auch Kinder willkommen fühlten. Ungefähr gleich viele Kinder wie erwachsene Zuhörer verwandelten mir ihrer neugierigen Lebhaftigkeit das Veranstaltungslokal für diesen Abend in eine wahre Oase des Lebens inmitten einer kinderfeindlichen Zeit. Großer Dank gebührt Mag. Partsch für die Mithilfe bei der Kinderbetreuung und Anja Krohmer für die Mithilfe bei der Organisation und der Gestaltung einer wunderbaren Fotoausstellung aus dem Alltag von Freilernern. Wir hoffen, die Veranstaltung konnte ein bißchen Mut machen, trotz steigendem Druck seitens der Politik und der Medien Bildungsverantwortung zu übernehmen, das heißt: Bildungsfreiheit zu leben. (Quelle: http://www.wertewirtschaft.org/magazin/?id=4742)